II. Die Stufen des spirituellen Lebens

 

von Manuela Schindler - (C) 2013 - ergänzt Juni 2017

 

 

Im Grunde genommen sind die nachfolgend von mir benannten Stufen inzwischen fast jedem spirituell Strebenden bekannt. Doch sieht die Realität der Bemeisterung derselben oft ganz anders aus, als man denkt, was leider oft nicht erkannt wird. Das Wissen um die Stufen ist nicht das Bemeistern!

Viele spirituelle Traditionen sind sich übrigens einig in der Abfolge der einzelnen Wegesabschnitte! Einen ersten Überblick über die einzelnen Schritte und zu bemeisternden Aufgaben habe ich bereits in der Zusammenfassung der Reinheitsgebote gegeben, während diese Aufstellung mehr die Grundsatzthemen als Ganzes bespricht.

 

 

1. Die erste Stufe ist die Reinigung des Lebens, um sich für den spirituellen Weg vorzubereiten. 

 

Diese Stufe ist überwiegend materiell ausgerichtet, weshalb hier die Arbeit noch leicht fällt und eher wenige Widerstände des Egos hervorruft. Im Gegenteil spürt das Ego die Erleichterungen und die zunehmende Freiheit, weshalb Trägheit relativ leicht überwunden werden kann. Wer diese Stufe nicht bemeistert, wird kaum weitergehen können! Denn ist die Lebensbasis unaufgeräumt und voller Fallstricke, dann ist man notgedrungen mit dem Alltäglichen (zu stark) beschäftigt. Die Folge daraus ist, dass man keine Ruhe, Lust und Zeit für wirkliche Innenschau hat, sondern permanent äußerliche Konflikte lösen und Arbeiten erledigen muss.

Da außerdem das äußere Leben einer Person ein getreuliches Spiegelbild ihres Innenlebens bietet, kann durch permanent mangelnde Ordnung und fehlende Lebensstruktur erkannt werden, dass entweder die seelische Bereitschaft fehlt oder aber die Fähigkeit zur Wandlung nicht wirklich vorhanden ist.

Um sich für die 2. Stufe gut vorzubereiten, muss das Wissen um Ethik, Gebote, spirituelle Gesetzmäßigkeiten und dem tieferen Sinn von Warnhinweisen erarbeitet werden. Nur so ist gewährleistet, dass man die nächste Stufe erfolgreich meistern kann.

 

 

2. Die zweite Stufe folgt der ersten wirklich spirituellen Aufforderung: "Mensch, erkenne dich selbst".

 

Diese Stufe ist mit die schwierigste, denn viele Menschen bekommen am Anfang ihres Weges zu ihren Gedanken, inneren Zusammenhängen zwischen Gefühlen und Gedanken, und ihrem Selbstausdruck KEINEN Zugang. Sie haben ein Bild von sich, an welches sie glauben, ungeachtet der Wahrheit, wie andere Menschen sie erleben. Bitte siehe dazu auch meinen Text "Leben mit GOTT - Absatz VI.)

Weist man diese Menschen auf grundlegende Schwächen hin, verstehen sie nicht, was man meint, oder können es nicht nachvollziehen, oder sie fühlen sich angegriffen und gehen umgehend in die Rechtfertigungshaltung, in den defensiv-aggressiven Rückzug oder sogar zum Gegenangriff über. Wenn sie sich von da an womöglich verschließen und trotzig ihren eigenen Weg behaupten, haben sie einen besonders schweren Kampf mit ihrem Ego erst noch vor sich.

Menschen, die sich so verhalten, haben diese Stufe definitiv noch nicht einmal begonnen zu betreten! Es sei denn, sie bemerken ihr Verhalten. Dann zumindest beginnt der innere Beobachter, seine Arbeit aufzunehmen. Der innere Beobachter muss also innerlich zunehmend zu Macht und Einfluss kommen, und das kann viele Jahre in Anspruch nehmen.

Da der Mensch sich lieber gern gut fühlt, und Selbstanalyse und tiefe Selbsterkenntnis nur dann auf sich nimmt, wenn er vom Leben durch Schicksalsschläge dazu gezwungen wird, kann hier eine wirklich spirituelle Entwicklung dauerhaft blockiert, ja, sogar ganz ausgesetzt werden für dieses Leben! Der Verzicht auf bequeme Selbstlügen und die Bereitschaft zu haben, sich selbst durch die Augen anderer Menschen prüfen lassen zu wollen, ist unabdingbar. Aber auch eine gewisse Selbstverliebtheit, die einigen Zeitgenoss(inn)en sehr zu eigen ist, muss aufgegeben werden. Heutzutage wird sehr viel Wohlfühlspiritualität praktiziert, welche in meinen Augen zur Blindheit sich selbst gegenüber und zur Festigung eines herrschsüchtigen Egos führt, und daher mit echter Spiritualität nichts zu tun hat.

Die wichtigsten Arbeiten, die man auf dieser Stufe deshalb auch zu leisten hat, sind das Erlernen der Gefühlskontrolle und das Wahrnehmen der Gedanken, um einen Überblick darüber zu bekommen, was in einem vorgeht. Nur so bekommt man die Möglichkeit, Ungewolltes abzuweisen und das Gewollte einzuüben. Das Leben mit den Tugenden auf dem "Kampfplatz des Alltags" nimmt einen großen Raum ein, denn gerade der Alltag bietet genügend Möglichkeiten dazu und verhilft in der Erprobung zu vermehrter Selbsterkenntnis und dem Erkennen dessen, was noch zu schwach oder gar negativ ist. Blinde Reaktionen werden gebremst und erst nach Reflektion und bewusster Entscheidung als klare Aktion oder Reaktionen ins Leben entlassen.

 

Ist diese Stufe gemeistert, ist man in jedem Augenblick bereit, sich selbstkritisch zu hinterfragen, da jeder Gedanke und jedes Gefühl sofort registriert und zugeordnet werden kann. Kein Gedanke entgeht einem mehr, kein negativer Glaubenssatz bleibt unentdeckt. Rechtfertigungsversuche des Egos, wenn es ertappt wurde, werden durch innere Diskussionen ausgehebelt, und nichts bleibt einfach so stehen.

Diese Stufe hat aber auch noch eine energetische Aufforderung zur Selbsterkenntnis, denn der normale Mensch ist voller ungewollter Mitbewohner und regierender elementarer Wesen/ Einflüsse, die ihn steuern, herausfordern und zu Begierden und Lastern hinführen. Die Erkenntnis dieser Unreinheiten, das Abwehren derselben und die beständige energetische Reinigung durch Erarbeiten einer echten positiv-spirituellen Gesinnung von Vergebung, Liebe, nichts Übles mehr sprechen und denken usw. sind fortan ein Muss. Dieses eröffnet ungeahnte innere Kriegsschauplätze, die in der alten mystischen Literatur so schön geschildert werden.

 

Hier ein schöner Spruch eines sehr weisen christlichen spirituellen Lehrers zu diesem Thema:

 

"Das ist eine unermessliche Gnade Gottes: 

selig der, dem Gott das gibt, dass er gemahnt und gewarnt wurde, 

es sei von innen oder von außen!"

Johannes Tauler, 46. Predigt

 

Da die Bemeisterung der Stufe 2 auch von anderen spirituellen Lehrern als die schwierigste Arbeit mit den größten Risiken bezeichnet wird, hier noch ein Zitat dazu (aus 'Bhagavad Gita", ausgedeutet von Yogananda):

 

Ein Heiliger hatte einen scharfzüngigen Freund, der den Meister ständig kritisierte.

Eines Tages kam ein Jünger des Heiligen zur Einsiedelei und brachte eine gewichtige Neuigkeit.

"Meister", rief er frohlockend aus, "Euer Feind, der ständige Kritisierer, ist gestorben!"

"Ach, jetzt fühle ich mich ganz hilflos!' sagte der Heilige, während sich seine Augen mit Tränen füllten.

"Die Nachricht bricht mir das Herz; mein bester geistiger Helfer ist von mir gegangen!

Es ist besser, mit einem streng redenden weisen Mann in der Hölle zu leben als mit zehn lügenden Süßholzrasplern im Himmel.

Narren können den Himmel in eine Hölle verwandeln; ein weiser Mann verwandelt jede Hölle in einen Himmel."

 

Bei zunehmender Selbsterkenntnis, die meist am Anfang unerfreulich ist, braucht man als Gegensatz das Ideal von Tugend, Geboten und der richtigen Lebensweise, denn an welchem Maß will man sich sonst messen? Diese Phase ist oft von spirituellen Krisen heftigster Art begleitet, die auch direkt in einen Kampf mit den Gegenkräften münden kann, je nachdem, wie sehr das Ego sich wehrt und versucht, den eigenen Status Quo aufrechtzuerhalten.

 

 

3. Die dritte Stufe ist die Ablösung vom Weltlichen 

 

(ohne auf Arbeit und Einsatz zu verzichten, sondern nur auf die Früchte und Ergebnisse derselben) und die zunehmende Kraft der inneren Kontemplation.

Hier ist der innere Beobachter inzwischen zum Meister und Lehrer in uns geworden und gibt sich als Höheres Selbst zu erkennen, als der "wahre Herr im Haus", der auch einem uneinsichtigen Ego durchaus Grenzen zu setzen weiß!

Nun wird durch tiefes Nachdenken und durch den Erwerb von Unterscheidungsvermögen das Wesentliche vom Unwesentlichen getrennt. Weltliche Angelegenheiten werden in ihrer Wichtigkeit zurückgestuft, geistiges Innenleben wird vorrangig wichtig. Da die Natur dem Geist folgt, braucht man sich um äußerliche Dinge auch nicht mehr zu sorgen, da durch die Innenarbeit und die daraus erwachsende energetische Neuausrichtung eine positive Lebenshaltung entwickelt wird, die entsprechende Ergebnisse zeitigt. Hier wird Vergebung geübt, auf das Ego verzichtet zugunsten einer höheren Wahrheit, das Bewusstsein verändert sich und ist in der Welt, aber nicht mehr in sie verstrickt, und ähnliches. Wobei die Verstrickungsgefahr niemals wirklich endet! Wenn man sich zu sehr im äußeren Leben aufhält, ohne rechtzeitig wieder Abstand zu nehmen, kann man ganz schnell einen riesigen Rückschritt machen. In der Regel lässt Gott das aber nicht zu, sondern warnt durch äußere Einwirkungen oder durch seine Helferkräfte, die spirituellen Lehrer oder die unsichtbaren geistigen Helfer, die man manchmal als goldene Lichter wahrnehmen kann. Da diese Phase sehr von Schwankungen begleitet wird, ist sie eigentlich mit die spirituell anspruchsvollste, denn die Welt versucht mit aller Kraft, die Aufmerksamkeit einzufordern. 

 

 

4. Die vierte Stufe ist von einer Auflösung der inneren Grenzen des Egos gekennzeichnet,

 

ohne dass man dabei aber seine Persönlichkeit verliert. Die Verschmelzung zwischen dem inneren Gott / dem Höheren Selbst und der irdischen Seele, die Assimilation des Egos in einen höheren Zustand und die meditative Versenkung, die durch Gott selbst verursacht wird als Gnade, machen das Hauptmerkmal dieser Stufe aus. Seligkeitszustände, hohe innere Freude ohne äußeren Grund und eingebettet sein in Gott führen zu einem Bewusstsein, welches man erst kennenlernen muss. Im Vergleich zum normalen Alltagsbewusstsein hat das neue Bewusstsein mitunter (nicht immer!) ein anderes Zeitempfinden, empfindet die materielle Welt oft als "Traumzustand", und Gedanken/Gefühle kommen in einen "Stillstand". Allerdings bedeutet Letzteres nicht, negativ und stumpf in Trance zu sein, sondern eine langsame Übertragung in ein höheres und wacheres Bewusstsein zu erleben. Man wird innerlich still, ohne Wachheit oder Klarheit zu verlieren. Weltliche Eindrücke können sowohl verblassen als auch superreal werden (das bezeichnet eine beinahe erschreckende Intensität der Wahrnehmung), Zeit kann zusammenfallen und ganz ausgesetzt werden (leider nicht in der Außenwelt, weshalb man dann mit Schrecken feststellt, wie viel Zeit vergangen ist, wenn man wieder materiell als Ego "auftaucht", und Ähnliches).

Diese Phase wird leider auch oft begleitet von heftigen Anfechtungen und Prüfungen, die sehr entmutigend sein können. Sicherlich hat man schon auf den Stufen vorher mit teilweise großen Schwierigkeiten zu ringen, doch entstammen diese meistens dem Ego. Nun jedoch wird die Gegenkraft höchstselbst auftreten und versuchen, einen großen spirituellen Fortschritt zu verhindern. Durch die teilweise heftigen Situationen wird das Ego immer schwächer, denn es erkennt seine Grenzen und muss zu seinem größten Leidwesen erleben, dass seine vermeintliche Allmacht in Ohnmacht umschlägt und es sich größeren Mächten ausgeliefert sieht. Sehr ernüchternd und enttäuschend, und doch ein wichtiger Abschnitt auf dem Weg. Denn nur dadurch ist der Mensch zunehmend bereit, sich der göttlichen Macht bedingungslos anzuvertrauen und die Tugenden zu entwickeln, die ihn von Angst um Existenz und Lebensabsicherung befreien.

 

 

5. Stufe: Erfahrung Gottes

 

Die spirituellen Schriften künden bei der 5. Stufe von zunehmender Gottesnähe und dem damit verbundenen höheren seligen Bewusstsein. Die Gottesnähe kann ich definitiv bestätigen, allerdings kein andauerndes seliges Bewusstsein. Vielleicht gibt es auch Unterschiede auf dem spirituellen Weg, oder ich kenne die ekstatischen Zustände einfach noch nicht wirklich, aber dafür darf ich große Gottesnähe für mich beanspruchen und einen innigen Kontakt, der sehr glücklich macht und oft unerwartete spirituelle Erfahrungen (als Gnadengeschenke Gottes) bereithält.

Wenn das passiert, und man die Erfahrung von Gottes Gegenwart in seinem Leben machen darf, ändert sich einfach alles! Wo vorher nur "Glauben" oder bestenfalls ein inneres Wissen gewesen sind, herrschen nun Wissen und Erfahrung, die alle Schichten des Menschen durchdringen.

Dadurch wird einfach alles umgekrempelt! Vielleicht darf man sogar entdecken, wie sehr Gott schon tätig war, die ganzen Jahre hindurch, durch die schlimmsten Phasen hindurch mitgegangen ist und wirklich alles von einem weiß. Im Gegensatz zu den allgemein veröffentlichten Schriften ist ein höheres Bewusstsein von dauerhafter Friedfertigkeit und ständiger Freude nicht unbedingt die Voraussetzung, um eine Beziehung zu Gott zu bekommen!

Er scheint ganz andere Maßstäbe anzulegen, als viele Menschen denken. Natürlich verlangt er, dass man die Werte achtet und auch seine Schöpfung nicht schädigt. Die Einhaltung sämtlicher Gebote und das damit verbundene Wohlverhalten sind ihm ebenfalls wichtig, aber wenn das Herz am rechten Fleck sitzt beim Menschen, kann er auch Fehlverhalten tolerieren, solange die Richtung und das Bemühen eingehalten werden.

In dieser Stufe ist man noch lange nicht entbunden von Prüfungen und Herausforderungen, denn der Hüter der Schwelle - verkörpert durch die (inneren und äußeren) Dämonen und bösen Geister - tritt immer wieder zwischen einem und Gott. Man sagt nicht umsonst, dass "Gott prüft, wen er liebt". Teilweise muss man heftig ringen um die inneren Werte, denn die Herausforderungen sind immens. Aber es ist zu schaffen, denn wenn man Gott erst einmal "kennt", ist das Vertrauen grenzenlos. 

Man kann keinesfalls eine Stufe auslassen, wie manch einer denken mag. Diese spirituelle Ordnung ist so folgerichtig wie ein Mensch die Stufen Baby - Kindheit - Pubertät - Erwachsenendasein - Greisentum zu durchlaufen hat. Auch hier ist eine Reihenfolge festgelegt, die niemand ändern kann. 

Sicherlich ist diese Stufenfolge im individuellen Erleben manchmal vermengt, so dass sich zeitweilig vielleicht Stufe 3 und 4, oder 4 und 5 vermischen, aber das betrifft dann immer eher kurzzeitige Herausforderungen, die das für den Moment erfordern. Ansonsten kehrt man automatisch in die Stufe zurück, an der man schon die ganze Zeit arbeitet, bis sie bemeistert ist.

 

 

Wenn dann irgendwann die letzte Stufe erreicht ist, macht man sich bereit für den Heimgang. Denn letztlich gehören diese ganzen Abstufungen zu einem Weg, der direkt in die Erlösung führen soll, in den Heimgang zu Gott, in die wahre Heimat unserer Seelen. Das hängt dann aber auch ab davon, was die Seele will und wie sie ihr Leben ausgerichtet hat, denn man wird zu nichts gezwungen. Der Heimgang ist die größte Gnade, die man erfahren kann, denn soweit ich weiß, wird man dann vom Zwang der Reinkarnation entbunden und ist vom Karma befreit. Ein lohnenswertes Ziel, aber nicht nur deshalb, sondern weil Gott einfach so unglaublich ist, dass man, wenn man ihn einmal erfahren hat, nur noch ihn zum Ziel hat und nichts anderes mehr ausreicht!