Begine sein: Eine Zerreißprobe?

von Manuela Schindler (C)

 

 

Wenn alte, beinahe vergessene spirituelle Wege auf eine moderne spirituelle Initiative treffen, können unglaubliche Synergien entstehen! So erging es uns, als wir auf der Suche nach einer angemesseneren Bezeichnung für uns durch einen intuitiven Hinweis auf die Beginen stießen. Das war im Jahr 2011 und hat in Folge zu vielen Ereignissen und Veränderungen geführt.

 

Die Suche nach einer Identität und Zugehörigkeit scheint ein Grundbedürfnis des Menschen zu sein, neben der Freiheitsliebe und dem Drang, sich ein möglichst individuelles Leben zu erschaffen.

 

Das Anderssein hat gerade in dieser Zeit einen hohen Stellenwert, wobei, wenn man genau hinschaut, eigentlich alles eher immer gleichförmiger wird, und die vermeintliche Individualität in ein neues Gemeinschaftsbewusstsein einmündet. So verschwindet jede Eigenheit und Besonderheit schnell wieder, oder wird heftig angegriffen, wenn sie es nicht tut oder sich in anderer Form einsortiert.

 

Das gleiche Phänomen habe ich bei vielen Gemeinschaften entdecken dürfen, und tatsächlich ging es auch uns so! Wir hatten den Grundgedanken der spirituellen Freiheit von Anfang an „auf unsere Fahnen geschrieben“, doch auf Dauer wurde es einfach zu ungemütlich!

 

Jeder konnte uns nach seinem Verständnis „interpretieren“ und anhängen, wonach immer ihm oder ihr war, was uns natürlich nicht gefiel. Es schien uns anfangs überhaupt nicht wichtig, eine übergeordnete Identität zu „besitzen“, denn wir wussten um unsere Ziele und Absichten, und das reichte uns. Doch darf man, bei aller vermeintlichen Freiheit dieser Zeit, den gesellschaftlichen Druck und die dadurch entstehende Gegenkraft nicht unterschätzen. Gehört man nicht erkennbar dazu, wird man angegriffen, verdächtigt oder entwertet. Wir erleben es heute wieder verstärkt durch die Zunahme schwieriger politischer Strömungen und die vielen Hasswellen im Internet. Unsere Welt ist nicht friedlich und schon gar nicht tolerant. Diese Werte müssen wir uns als Kollektiv wahrhaftig erst noch erarbeiten!

 

Um dieses Dilemma für Phoenix zu (er)lösen, erhielt ich Ende 2011 den inneren Hinweis, dass wir Beginen seien! Sehr erstaunt über diesen für mich beinahe unbekannten Begriff machte ich mich auf die Suche nach ihnen und wurde schnell fündig.

 

Ja, so waren wir, definitiv. Wir fanden sogar eine Geistesschwester, Margareta Porete, die mit Meister Eckhart befreundet war und in einem regen Austausch mit ihm gestanden haben soll, was man teilweise in seinen und auch in ihren Schriften erkennen kann.*

Sie stellte, genauso wie wir, den göttlichen Geist im Inneren als einzig wichtige geistliche Autorität allem voran und wurde dafür von der Inquisition als Ketzerin 1310 auf dem Scheiterhaufen verbrannt! Da der freiheitlich-spirituelle Ansatz der Beginen der Kirche nicht gefiel, wurden sie heftig verfolgt und am Ende durch einen päpstlichen Erlass der kirchlichen Ordensgemeinschaft anempfohlen, wenn auch ganz am Rand, wenn sie sich der Verfolgung entziehen wollten.* **

Dem folgten viele Frauen, was definitiv dazu beitrug, die freie Spiritualität und vor allem den weiblichen frei-spirituellen Geist zu ersticken. Trotzdem konnten sich die traditionellen Beginen bis beinahe in unsere Zeit halten, bis die letzte offiziell bekannte traditionelle Begine vor wenigen Jahren verstarb. *** (Quellenangaben siehe unten.)

 

Nun fanden wir bei unseren Recherchen eine moderne Frauenbewegung, die sich neuzeitliche Beginen (oder Wohnbeginen) nannte, und die uns sehr erstaunte. Die Beginenbewegung erfuhr zwar dadurch eine Neubelebung, doch nun beinahe gänzlich ohne Spiritualität! Es standen Wohnprojekte und weibliche Gemeinschaften im Vordergrund, in denen zwar die Buntheit dieses Zeitalters vertreten war, der wahre spirituelle Ansatz der Beginen jedoch keinen Raum mehr fand. 

 

Etwas ratlos standen wir davor und wunderten uns, gelinde gesagt. Trotzdem war klar, dass unsere Identität absolut mit der alten Beginentradition übereinstimmte, jedoch in keinster Weise mit der neuzeitlichen Beginenbewegung in Einklang zu bringen war.

Wir entschlossen uns trotzdem, den Kontakt herzustellen, indem wir in den Dachverband der Beginen eintraten und Uta-Maria Freckmann diverse Veranstaltungen besuchte. Doch merkten wir recht schnell, dass wir dort tatsächlich Außenseiter waren.

 

Ende 2015 traten wir dann aus dem Dachverband aus und beendeten die Kontakte.

Ganz zum Schluss hatten wir den Begriff „Beginen“ nur noch auf unserem Schild am Phoenix-Haus stehen. Doch lebten wir natürlich wie gewohnt unsere spirituellen Interessen weiter, wenn auch isoliert von den modernen Beginen.

 

In unserem Jubiläumsheft 2015 fasste Uta-Maria Freckmann unsere Erfahrungen in Form eines Artikels zusammen,

dann legten wir unsere aktive Arbeit mit der modernen Beginenbewegung zunächst nieder.

 

Doch wollten wir es nicht dabei belassen. Wir gönnten uns diesbezüglich lediglich eine Pause, zumal wir ohnehin einen großen Wandel durchleben mussten, der uns von Grund auf umkrempelte und erweiterte, sodass wir vollauf beschäftigt damit waren. Phoenix-Netzwerk musste komplett unseren neuen spirituellen Erfahrungen angepasst werden, was eine Menge Arbeit mit sich brachte. Doch als dann alles fertig war, lag das Thema wieder auf dem Tisch. Ein Spannungsfeld eröffnete sich uns, denn wir waren in unserer Einstellung und Lebensform de facto Beginen, und zwar Urbeginen, wenn man es so nennen kann! Wollten wir nun als Gegensatz zu den modernen Beginen arbeiten? Oder finden wir einen „Schlüssel“, der uns hilft, zu den Werten und spirituellen Ansichten der alten Beginen zu stehen und unsere Arbeit trotz der Gegensätze in diesem Bereich zu leisten, uns Beginen zu nennen und die alte Tradition in einem neuen Gewand, angepasst an die moderne Zeit, fortzuführen?

 

Wir haben uns entschieden, genau so vorzugehen! Ein Spannungsfeld muss es unserer Meinung nach nicht geben, und eine Zerreißprobe auch nicht. Wir werden alles tun, um das zu vermeiden, selbst wenn die moderne Beginenbewegung so ganz anders ist als die Urform. Vielleicht ist ja gerade diese Mischung besonders reizvoll, um Synergien entstehen zu lassen, von denen wir jetzt noch gar nichts wissen? Wer weiß das schon. Und vielleicht gelingt es uns ja doch noch, Beginen der alten Tradition ausfindig zu machen und daraus etwas wachsen zu lassen. Auch hier werden wir erwartungsvoll in die Zukunft schauen!

 

Manuela Schindler

31.8.2018

 

 

Quellenangaben:

* -  "Stimmen der Zeit", Heft 9 Sept. 2018, Herder-Verlag;

** -  "Die Beginen - Eine Frauenbewegung im Mittelalter" von Tanja Bras;

*** -  Wikipedia und andere Quellen aus dem Internet,

z.B. Beginenverfolgung im 14. Jahrhundert (Aufsatz der Uni Konstanz).

 

 

 

 

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